Es war einmal ein Strahlentierchen

Die Erdgeschichte aus Sicht meines Briefbeschwerers
Strahlentierchen (Radiolarien), gezeichnet von Ernst Haeckel 1862
Skelette von Strahlentierchen (Radiolarien), gezeichnet von Ernst Haeckel 1862, Abb. Gemeinfrei

Strahlentierchen (Radiolarien) aus "Kunstformen der Natur" von Ernst Haeckel, 1904
Skelette von Strahlentierchen (Radiolarien) aus "Kunstformen der Natur" von Ernst Haeckel, 1904, Abb. Gemeinfrei

Lydit, Radiolarit oder Kieselschiefer
Lydit, in Jahrmillionen im Kies des Flussbetts glattgeschliffen
Es war einmal, vor 440 Millionen Jahren, im Erdaltertum, dem Paläozoikum. Die Dinosaurier gab es noch nicht, sie tauchten erst später auf. Da lebte in einem tropischen Meer, an einer Stelle des Ur-Ozeans, die wir heute  Oberfranken nennen, ein Strahlentierchen. Es war eines der größeren, und tatsächlich einen halben Millimeter groß! Es bestand nur aus einer Zelle und hatte kein Gehirn, konnte aber auch so ganz gut leben.

Es fraß Algen und Bakterien, und wenn es mal keine frischen gab, begnügte es sich auch mit abgestorbenen Einzellern. Es war schon ziemlich alt. Ein halbes Jahr lebte es schon, hatte für Nachwuchs gesorgt, und so kam es, dass es eines Tages starb. Sein Fleisch wurde schnell von anderen Einzellern wie Bakterien gefressen, den Rest nutzten Algen als Dünger, und übrig blieb sein Skelett, das aus einem Material ähnlich dem Quarz und den Kieselsteinen bestand. Dieses sank nach unten auf den Meeresgrund, wo es mit den Überresten seiner Vorfahren und Nachfahren den Boden mit einer dicken Schicht schwarzem Radiolarien-Schlamm bedeckte.

Die Dinosaurier

200 Millionen Jahre lang sank der Boden immer tiefer und andere Schichten von Schlamm legten sich darüber. Die Variszische Orogenese (variskische Gebirgsbildung) gestaltete unsere Gegend um, die sich damals noch an ganz anderer Stelle der Erdkugel befand, inmitten des einzigen großen Urkontinents Pangaea. Schließlich entwickelten sich allmählich große Tiere, welche die Erde dominierten, die Dinosaurier. Die Schlammschicht mit unserem Strahlentierchen-Skelett wurde immer mehr zusammengedrückt und fest und hart.

Die Säugetiere

Weitere 140 Millionen Jahre später gab es eine starke Erschütterung. Ein großer Asteroid hatte die Erde getroffen. Die Explosion des Einschlags verdunkelte die Sonne für viele Jahre, viele Pflanzen konnten nicht mehr wachsen, und so kam es, dass die Dinosaurier ausstarben. Andere kleine Tiere, die bis jetzt größtenteils unter der Erde gelebt hatten, übernahmen die Führungsrolle: Die Säugetiere.

Der Mensch

65 Millionen Jahre nach diesem Meteoriteneinschlag entwickelte sich, kurz vor unserer Gegenwart, aus affenähnlichen Tieren eine neue Spezies, der Mensch. In dem langen Zeitraum dazwischen war der Meeresboden mit dem Skelett unseres Strahlentierchens in der Tiefe durch das Gewicht der Erdschichten steinhart geworden, hob sich aber irgendwann langsam, weil andere Teile der Erdoberfläche gegen den Erdteil drückten, den wir heute Europa nennen. Von den filigranen Formen seines Skeletts war nach diesen Torturen nichts mehr zu erkennen, nur eine einheitliche schwarze Masse, vor allem aus Kieselsäure.

Der Fluss

So wurde der ehemalige Meeresboden schließlich zu Hügeln, Felsen und Flusstälern. Regen schwemmte lockeren Boden in die Flüsse und ins Meer, und so kam es, dass die steinharten Skelettreste von Milliarden von Strahlentierchen beim heutigen Ludwigschorgast und Untersteinach freigelegt wurden und an der Erdoberfläche lagen. Wasser in Felsspalten gefror im Winter, und eines Tages wurde dadurch ein Stück dieses harten schwarzen Gesteins herausgebrochen und fiel in den Fluss, den wir heute  Weißer Main nennen. Die Strömung schob den Stein jedes Jahr ein paar Millimeter weiter flussabwärts. Nach Kulmbach, das es damals noch nicht gab, kam der Rote Main dazu, und zum Schluss lag der schwarze Gesteinsbrocken am Mainufer bei Unterleiterbach, dunkel zwischen weißen Kieselsteinen. Geologen haben die harte, schwere Gesteinsart Lydit genannt.

Lydit, Radiolarit, Kieselschiefer

Die Menschen hatten gelernt, sehr praktische Fortbewegungsmittel zu bauen, wie Autos und Fahrräder. Und so kam es, dass mir am 23. April 2023 am Main inmitten von weißen Kieselsteinen ein schwarzer Stein auffiel. Er war auf seiner Wanderschaft im Fluss von den anderen Steinen rund und glatt geschliffen worden, lag angenehm schwer in der Hand und landete schließlich in der Sattelpacktasche meines Fahrrads.

Heute liegt er unscheinbar als Briefbeschwerer auf meinem Schreibtisch. Ab und zu nehme ich ihn in die Hand und denke an die Zigtausende von Strahlentierchen (Radiolarien), deren Skelette vor 440 Millionen Jahren diesen Stein gebildet haben.

Was wird wohl aus ihm werden, in Jahrhunderten, Jahrtausenden, Jahrmillionen, wenn ich längst nicht mehr bin?
   
©2023 by Erwin Purucker
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