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Hexenhäuschen, in dem einst Hänsel und Gretel die Hexe verbrannten
Hexenhäuschen, in dem einst Hänsel und Gretel die Hexe verbrannten

Hänsel und Gretel

Betrachtet man heute die Geschichte vom  Waldläufer im Fichtelgebirge, so reichen die Urteile an den Stammtischen von Romantisierung bis Hass, von Sehnsucht nach der Natur und dem Ursprünglichen bis zu blanker Ablehnung und Verachtung. In der Literatur tauchen im Zuge der Gleichberechtigung jetzt auch  Waldläuferinnen  auf. Vielleicht waren die  Moosweiblein im Fichtelgebirge keine Waldgeister, sondern nichts anders als Aussteigerinnen und Waldläuferinnen, die der sogenannten Zivilisation überdrüssig waren. Würde heute eine alte Frau allein im Wald fernab der Zivilisation leben, wird man sofort an die Brüder Grimm erinnert, an Hänsel und Gretel, die von einer Hexe gefüttert wurden, um sie zu schlachten und zu essen. Eine Geschichte, die man früher und heute wie selbstverständlich kleinen Kindern erzählt, und die in ihrer Grausamkeit eigentlich nach unserem Jugendschutzgesetz Erwachsenen vorbehalten sein müsste.

Hänsel und Gretel aus heutiger Sicht

Betrachtet man das Märchen von Hänsel und Gretel aus unserer heutigen Sicht, nach der es keine Hexen gibt, ergibt sich ein anderes Bild: Hänsel und Gretel wurden von ihren Eltern ausgesetzt, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu betteln. Wahrscheinlich sind die beiden Kinder bei der alten Frau eingedrungen, weil sie Hunger hatten. Sie begannen, ihr Essen wegzuessen und deshalb hat sie Hänsel eingesperrt. Gretel gelang es, die alte Frau zu überwältigen und zu töten, Hänsel zu befreien, und alles was wertvoll war, zu rauben und nach Hause zu tragen. Mit dem Geld der Frau nahmen sie die Eltern natürlich gern wieder auf.

Um nicht bestraft zu werden, wurde das Opfer, die alte Frau, als Hexe beschuldigt. Wer wurde schon für Mord und Raub bestraft, wenn man behauptete, das Opfer sei eine Hexe gewesen? Niemand. So einfach war das damals, heute verleumdet, morgen gefoltert, übermorgen verbrannt. Folter, Mord und Raub im Namen von Recht und Gesetz, gebilligt von der Kirche.

Ketzerverfolgungen im Mittelalter

Im Mittelalter war von Hexen kaum die Rede. Die Inquisition verfolgte Häretiker, Ketzer, Glaubensabtrünnige wie die Katharer, die Waldenser und andere, die sich angeblich an versteckten Orten versammelten, Dämonen verehrten, den Teufel anbeteten, Zauberei und Wahrsagerei betrieben, und sogar Kinder verspeisten. Dabei konnte jeder, Männer wie Frauen, Opfer von Verleumdungen werden, weil unter den verstümmelnden Folterungen irgendwann jeder gesteht, was ihm in den Mund gelegt wird. Erst im 15. Jahrhundert kamen Hexen in den Focus der Inquisitoren. Der Dominikaner Heinrich Institoris (Heinrich Kramer) hatte seinen Malleus Maleficarum, den Hexenhammer, verfasst und 1487 veröffentlicht. Schon drei Jahre vorher hatte Papst Innozenz VIII. eine päpstlichen Bulle, die sogenannten Hexenbulle gegen den Missbrauch der dämonischen Magie erlassen, die Kramer ebenfalls in sein Machwerk aufnahm.

Hexenverbrennungen, nicht im Mittelalter, sondern in der Neuzeit!

Auf den ersten Blick ordnen wir Hexenverfolgungen oft im Mittelalter ein. Der Höhepunkt der Hexenverbrennungen in Europa liegt jedoch zeitlich im 16. und 17. Jahrhundert, also in der Neuzeit, trotz Renaissance, Humanismus und Aufklärung! Der Unterschied zu den Ketzerverfolgungen der Inquisition im Mittelalter liegt jedoch darin, dass die Verurteilungen vor weltlichen Gerichten erfolgten. Die Macht der Kirche, der Dominikaner und der Inquisition war jedoch so groß, dass die Gerichte gar nicht anders konnten. Heute betrachten wir das Märchen aber als so abwegig, dass wir die Geschichte selbst kleinen Kindern erzählen können und diese sie schon als reine Fiktion erkennen. Deshalb vertrauen wir darauf, dass die Gruselgeschichten deshalb keine Angstzustände hervorrufen werden. Vor ein paar Jahrhunderten waren Hexen, Zauberer und der Teufel in den Köpfen der Menschen jedoch wie selbstverständlich Realität.

Junge Frauen

Nicht nur alte Frauen, die einsam im Wald lebten wurden Opfer der Hexenverfolgungen, sondern vor allem auch sexuell aktive junge Frauen. Wenn sie ihre Freizügigkeit auslebten, zogen sie verheiratete Männer an, die einem erotischen Abenteuer nicht abgeneigt waren. Da lag es für die betrogenen Ehefrauen nahe, diese Frauen als Hexen zu verleumden. Wie soll man das Gegenteil beweisen, wenn behauptet wird, man hätte sie auf einem Besen aus dem Fenster fliegen sehen? Sie fielen in die Hände der Folterknechte, und unter den Qualen der Folter, mit zerschundenen Körpern, gesteht früher oder später jede, was ihr in den Mund gelegt wird. Auch in Oberfranken, vor allem in  Bamberg, gab es ganze Serien von Hexenverbrennungen, deren Züge schon an Massenpsychosen erinnern.

Die Kleine Eiszeit

Im Mittelalter herrschte günstiges warmes Klima für die Landwirtschaft, was die Bevölkerungszahl steigen ließ, das Mittelalterliche Klimaoptimum. Die ersten mittelalterlichen Städte entstanden, in deren Altstädten mit Fachwerkhäusern wir heute gerne spazieren gehen. Um den 22. Juli 1342, den Magdalenentag, nach dem Heiligenkalender der Gedenktag der Heiligen  Maria Magdalena, läutete das sogenannte Magdalenenhochwasser mit einem Paukenschlag eine Klimawende ein. Kalte und nasse Sommer brachten Missernten und Hungersnöte, und schwächten die Bevölkerung. Nicht enden wollender Regen ließ das Getreide auf den Feldern verfaulen und die Erträge der Bauern reichten nicht, um die gestiegene Bevölkerungszahl zu ernähren. Dadurch hatten Epidemien wie die Pest in der dichten Bevölkerung mit geschwächtem Immunsystem leichtes Spiel. Im 17. Jahrhundert brachte der Dreißigjährige Krieg weiteres Leid über die Menschen. Die Zeit vom 15. bis zum 19. Jahrhundert nennt man heute die Kleine Eiszeit. Von der Temperatur her kein Vergleich zur eigentlichen Würm-Eiszeit, aber eine jahrhundertelange Katastrophe für die Menschen.

Man suchte nach Schuldigen und fand sie in Hexen und Zauberern, die ihren Schadzauber ausübten.

Martin Luther

Selbst der für seine Zeit fortschrittlich denkende Martin Luther betrachtete Hexenverfolgungen als notwendiges Mittel, um die braven Christen vor Gefahren wie dämonischen Aktivitäten zu schützen, was zu seiner Zeit eine weit verbreitete Überzeugung war. Er argumentierte in seinen Predigten und Schriften, dass Satan, seine Dämonen, und eben auch Hexen, in der Welt aktiv wären und die Menschen durch verschiedene Versuchungen, Einflüsterungen und Schadzauber beeinflussen würden. Trotzdem war Luther auch besorgt über den Missbrauch der Hexenverfolgung und forderte, dass die Beweise in Hexenprozessen sorgfältig geprüft werden sollten, um unschuldige Menschen zu schützen. Er warnte davor, dass die Hexenverfolgung von Aberglauben und falschen Anschuldigungen geprägt sein könnte. Luther glaubte, dass die Inquisition und die römische Kirche die Hexenverfolgung in einer Weise durchführten, die den Prinzipien der Reformation widersprach. Verhindern konnte und wollte er es nicht.

Statt die Reformation Martin Luthers als fortschreitenden Prozess weiterzuführen, ruht sich aber auch die evangelische Kirche seit 500 Jahren auf dessen alten Lehren aus, die zu seiner Zeit fortschrittlich waren, heute aber längst einer neuen Reformation bedürften. Auf Lehren eines Mannes, für den Hexen, Zauberer, Dämonen und Teufel in unserer Welt nicht nur symbolisch, sondern auch materiell Realität waren.




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