Fichtelgebirge
Oberfranken

Kleinbäuerliches Leben
im modernen 20. Jahrhundert

Meine Kindheit
auf dem Bauernhof

Pflügen mit Kühen bei Marktleuthen im Fichtelgebirge in Oberfranken
Mein Vater beim Pflügen mit Kühen bei Marktleuthen im Fichtelgebirge in Oberfranken
Im 2. Weltkrieg und in den Jahren danach, als in den großen Städten die Menschen hungerten und froren, hatte das Landleben in der Kleinstadt und auf dem Dorf durchaus Vorteile. Auch Handwerker hatten meist ein paar Kühe im Stall, Schweine und Hühner. Wenn man was anderes brauchte, konnte man eine Büchse Pressack oder a Schräitl G'reicherts (ein Stück Räucherfleisch, ein Schrötlein) zum Tausch anbieten.

Die meisten hatten auch ein paar Tagwerk Wald (1 Tagewerk entspricht 3408 m² oder ca. ein Drittel Hektar), der zu Brennholz wurde. Obwohl ein paar Kühe schon fast das ganze Haus heizen, brauchte man Brennmaterial, da früh und abends zwei Riesentöpfe Kartoffeln für die Schweine auf dem Ofen kochten. Und das Essen wurde im Gegensatz zu heute lange und weich gekocht, damit die Großeltern ohne Zähne auch was davon hatten. Ob die Schnitz mit backna Glees (Gemüseeintopf) gut waren, maß man an der Anzahl und der Größe der Fettaugen, die darauf herumschwammen. Heute schöpft man die ab und schmeißt sie weg.

Kühe

Am nützlichsten waren die Kühe. Sie zogen den Pflug, den Wagen oder schon so manche Maschine. Früh und abends gaben sie Milch und wenn sie alt wurden, kam der Viehhändler oder gleich der Metzger selbst. Kälbchen gab's auch noch jedes Jahr eins als Dreingabe. An das Ackern mit Kühen habe ich nur noch verschwommene Erinnerungen. Die Kommandos hießen bei uns nicht Hüh und Hot für Links und Rechts, sondern Hot und Wista (oder Wister). Zum Loslaufen hieß es Hiah (entspricht wohl dem Hü).

Ein Traktor

Schon in meinem vierten Lebensjahr bekamen wir einen Traktor, einen luftgekühlten Deutz mit sage und schreibe 13 PS. Es herrschte Aufbruchstimmung im beginnenden Wirtschaftswunder. Er musste in Selb abgeholt werden. Die Straße war damals noch enger und mit vielen Straßenbäumen. Statt reflektierender Begrenzungspfosten waren weiße Rechtecke mit Ölfarbe auf die Baumstämme gemalt. Auf der Spielberger Höh', einem Höhenrücken zwischen Selb und Marktleuthen, rauchte ein Rad und stank bestialisch. Wir warteten auf ein Fahrzeug Richtung Selb und ließen dem Verkäufer ausrichten, dass wir nicht weit gekommen waren. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam in der Gegenrichtung ein Fahrzeug, dessen Fahrer uns ausrichtete, wir sollten es wieder probieren, wenn die Bremse kalt ist. Sie war wohl etwas zu knapp eingestellt, aber beim zweiten Versuch geht’s dann meistens. So war es auch.

Die Wagen und Maschinen, die eine Deichsel und Befestigungen für's Kuh-Geschirr hatten, mussten auf den Betrieb mit dem Traktor umgestellt werden. Kein Problem, denn unser Nachbar, der Neupert's Rudi, hatte eine Landmaschinen-Werkstatt. Er nahm auch schon mal die Abkürzung und stieg durchs Fenster direkt in unseren Garten. Die Sähmaschine verlor die vorderen Räder, die ja nicht mehr gebraucht wurden und jetzt als Spielzeug für uns Kinder dienten.

Kühe mit Fuhrwerk und offenem Joch (Rinderkummet)
Kühe mit Fuhrwerk und offenem Joch (Rinderkummet)  Foto: Harald Stark

Das Geschirr für Kühe

Ein Stirnblatt des Geschirrs wurde meine Schaukel. Kühe zogen bei uns nämlich die Lasten mit der Stirn, hartnäckig! Auf dem Bild ganz oben ist das deutlich zu sehen, offizielle Bezeichnung lautet Stirneinzeljoch. Ein geschlossenes Joch, ein Kummet, wie bei Pferden, kann man nicht anlegen wegen der Hörner und dem dicken Kopf. Andere hatten für Kühe auch sogenannte Rinderkummets oder Kumts, die oben ein Scharnier haben und unten zu öffnen sind. Dadurch kann man sie von oben aufstecken, an den Hörnern vorbei (zweites Bild). Die Zugkraft wird damit nicht von der Stirn, sondern von Brust und Schultern übertragen.

Klauenbeschneider

Erstaunt war ich, als nun ab und zu ein Klauenbeschneider vorbeikam und den Kühen die Zehennägel, die Hufe, schnitt. Da sie nur noch im Stall standen, wurden die nämlich nicht mehr abgenutzt.

Besamer

Wenn sie mal Lust auf einen Stier bekamen, was man daran merkte, dass sie einen ableckten, und dass der Schwanz zur Seite geht, wenn man auf den Rücken drückt, kam kein Stier, sondern der Besamer. Warum dieser vor der eigentlichen Besamung bis zum Anschlag ins After greift und alles rausholt, was da drin ist, hat mir keiner erklärt, »Fräig niat sua dumm!« (Frag nicht so dumm!). Heute weiß ich, dass der Besamer mit dem zweiten Arm im geleerten Mastdarm dafür sorgt, dass er das Besamungsinstrument genau im Gebärmutterhals positionieren kann. Auf diese Weise kommt man mit sehr wenig Sperma aus und kann viele Kühe mit einem „Schuss“ des Stiers besamen.

Getreide säen

Jede Jahreszeit hatte ihre Herausforderungen, und wir Kinder durften schon kräftig mitarbeiten. Bei der Sähmaschine musste man hinterherlaufen und wenn sich ein Grasstück oder altes Erdepfl-Kreitere (Kartoffel-Kraut) zwischen den Säh-Rohren verfing, trat man während der Fahrt drauf, und schon war es weg. Mit ein bisschen Übung geht das prima. Wenn man mit dem Hosenbein irgendwo hängenblieb, zog's einem die Füße weg, in dem weichen Ackerboden fiel man aber weich. Zur Unfallverhütung gab's den Satz: »Pass auf, dass'd niat mit'n Huasabaa hängableibst!« (Pass auf, dass du nicht mit dem Hosenbein hängenbleibst!).

Heuernte

Bei der Heuernte durfte ich auf dem großen Rechen sitzen, auf einem eisernen Sitz ohne Geländer, »Halt de fei gout fest!« (Halt dich gut fest!), und an bestimmten Stellen einen Fußhebel betätigen. Dann hob sich der Rechen und entließ das Heu in einer großen Walze. Macht man das immer wieder an der gleichen Stelle nebeneinander, entsteht ein Mohn (ich nehme an, das kommt von Mähne). Der wird dann mit dem umgekehrten Handrechen zu Heuhaufen zusammengeschoben. Ist das Heu schön trocken, geht das prima und man hat schnell einen Riesenhaufen, in den man springen kann, und das Heu dadurch wieder verteilt, »Mach kaan Bleedsinn!« (Mach keinen Blödsinn!).

Die Erdäpfel (Kartoffeln)

Bis in den Juni hinein machten die Kartoffeln viel Arbeit. Um 1960 bekamen wir von der Verwandtschaft in Pilgramsreuth ein ausgemustertes Vielfachgerät. Ein geniales System. An einem am Traktor angebrachten Gestell konnten verschiedene Arbeitsgeräte montiert werden. Auf dem gedüngten, geackerten und geeggten Feld machte es zunächst Furchen und in einem Rutsch Löcher für die Saatkartoffeln. Die musste man von Hand verteilen. Dann wurden sich drehende Scheiben angebracht, welche die gelegten Erdepfel mit Erde bedeckten. Am schrägen Hang des Galgenbergs musste die Mutter hinterherlaufen und die Pflugschare lenken, sonst gab's Chaos und keine geraden Furchen und Beete.

Um den Kartoffeln einen Vorsprung vor dem Unkraut zu verschaffen, musste ein Teil Erde rund um die Pflanzen ständig bearbeitet werden, deshalb nennt man sie auch Hackfrüchte, wie auch die Rüben. Zunächst wurden die Beete mit einer speziellen hölzernen Egge mit eisernen Zähnen oo-g'schlicht' (abgeeggt). Dann wurde die Erde wieder noa-g'ackert (hingeackert, angehäufelt), später von dem Beet wieder weeg-g'ackert (weggeackert) und wiederum später wieder noa-g'ackert (rangeackert). Die Oberseite der Beete, zwischen den Kartoffelpflanzen, konnte man mit der Maschine nicht mehr erreichen, weshalb das Erdepflfeld ausgeputzt werden musste, nichts anderes als Unkraut jäten mit einer Hacke. Nach einem abschließendem Anhäufeln mit dem Vielfachgerät boten die Erdepfl-Pflanzen dann endlich genug Schatten, um sich gegen das Unkraut durchzusetzen.

Haumaschine zur Getreideernte im Volkskundlichen Gerätemuseum Bergnersreuth bei Arzberg
Haumaschine zur Getreideernte im Volkskundlichen Gerätemuseum Bergnersreuth bei Arzberg

Getreideernte

Im August war für mich das größte Wunderwerk der Technik die Haumaschine. Sie schnitt das Getreide ab, das erst mal auf einen „Tisch“ fiel und dadurch gesammelt wurde. Vier hölzerne Rechen kreisten in der Luft und man konnte mit einem Hebel einstellen, ob jeweils jeder zweite, jeder dritte, oder jeder vierte Rechen die Halme vom Tisch wischte und damit ein Wischl Korn auf dem Feld hinterließ. Neben dem großen Rad war ein Sitz (ganz rechts im zweiten Bild), von dem der Hebel erreichbar war, selbstverständlich alles ohne Schutzblech oder Sicherheitseinrichtungen, »Pass auf, dass' di niat neileiert!« (Pass auf, das es dich nicht hineindreht!). Die Halterungen der Rechen liefen auf Rollen auf einer Bahn, und wenn einer ein Wischl vom Tisch streichen sollte, klappte eine kleine Weiche auf und der Rechen senkte sich dazu nach unten in eine tiefere Bahn. Stundenlang habe ich der Mechanik zugeschaut und versuchte zu ergründen, wie das funktioniert, »Traam niat, mach dou gräißere Wischla!« (Träum nicht, mach hier größere Garben!). Je nachdem, ob das Korn nämlich dicht oder schütter stand, konnte man mit dem Hebel steuern, dass die Wischla etwa gleichgroß wurden. Sie mussten ja später aufgeladen und daheim im Ziehloch auf den Getreideboden gezogen, dann zum Dreschen wieder nach unten geschmissen und anschließend das Stroh wieder nach oben gezogen werden.

Kornmännla (Puppen)
Kornmännla (Puppen) auf einem Getreidefeld
Die Mutter lief auf dem Feld herum und band die Wischla zu Garben zusammen. Manchmal mit Strohbändern, später immer mehr mit dunkel lila gefärbten Schnüren aus Hanf oder Sisal. Lila waren sie, weil man sie dann später auf dem düsteren Kornboden in dem Gewirr von Halmen besser sehen konnte. Aus Pflanzenfasern waren sie, weil es schon mal vorkam, dass eine Kuh sie mitfraß. Sie hat sie dann einfach verdaut. Das Stroh wurde nämlich nicht nur im Stall eingestreut, sondern zum Teil auch gehäckselt und diente, vermischt mit den in der Stopfmaschine zerkleinerten Rüben, als Futter. Auf einer Seite hatte jede Schnur ein Hölzchen, um welches das andere Ende geschlungen wurde. So erhielt man eine Art Knoten, der leicht wieder zu öffnen war, und so konnten die Schnüre jedes Jahr wiederverwendet werden.

Die Wischla wurden zu Kornmännla aufgestellt, damit sie nicht über Nacht die Bodenfeuchte aufnahmen und schön trocken blieben oder trocken wurden. Dafür stellte man sie möglichst locker aneinander, damit der Wind hindurchwehen konnte. Auf diese Weise ergaben sich praktische Häuschen für uns Kinder zum Verstecken und drin wohnen. Dass einem die Grannen des Getreides in den Nacken fallen und die Ganze Nacht jucken können, was soll's, »Schäi war's!« (Schön war's!).

So bald meine Beine lang genug waren, um Kupplung und Bremse des Traktors zu erreichen, durfte ich beim Aufladen von Haufen zu Haufen fahren. Der Vater spießte die Wischla mit der Gabel auf den Wagen und die Mutter ordnete sie oben so, dass am Schluss der verzurrte Wieschbaam (Haltebaum für die Garben) in der Mitte alle halten konnte.

Kartoffelernte (Erdepflgrobm)

Im Herbst wurden die Erdäpfl mit dem Schleiderer (Erdschleuder) aus dem Boden geholt und mussten dann aufgeklaubt werden. Das war keine so schöne Arbeit, aber als Entschädigung gab's die Erdepflfeierla (Kartoffelfeuer). In der Glut kohlschwarz gegarte Erdepfl schmecken im Innern unvergleichlich. Man musste nur den richtigen Zeitpunkt zum Herausholen erwischen, sonst waren sie Kohle. Auch heute mach ich das noch ab und zu im Garten in meinem Lagerfeuer.

Rübenernte

Im Oktober kamen die Rüben dran, »Des is kaa Arbat für eich Kinner!« (Das ist keine Arbeit für euch Kinder!). Der Strunk und die Wurzeln wurden mit einem großen Messer abgeschlagen und die Rüben grob gesäubert. Die Eltern machten sich wahrscheinlich sorgen, dass dabei mal ein Finger der Kinder auf der Strecke bleiben könnte. Bei dieser Herbstarbeit haben oft schon die Hände gebitzelt vor Kälte.

Das Dreschen

Danach, meist schon im November, kam nochmal ein Highlight. Die hauptberuflichen Bauern hatten in der Scheunenzeile der Neudeser Gasse in Marktleuthen fest eingebaute Dreschanlagen. Diese wurden nur einmal im Jahr gebraucht, nahmen aber ständig viel Platz weg. Wir hatten einen modernen Dreschwagen. Er wurde in die Tenne geschoben, und ein vier PS starker Elektromotor, der über eine Transmission auch andere Maschinen wie den Häcksler antrieb, drehte über einen langen Lederriemen die Dreschwelle, »Immer schäi Räamapeech draaf!« (Riemenpech verhindert das Durchrutschen des Riemens).

Unglaublich, wie viele Räder sich drehten, wenn sich das Ganze in Bewegung setzte, und wie viele kleinere Riemen wieder andere Räder antrieben, auch wieder alles ohne Schutzbleche etc. »Pass auf, dass' di niat neizejht!« (Pass auf, dass es dich nicht reinzieht). Ein Gebläse blies die Söid oder Sejd (= Spreu: Samenhüllen, Spelzen, Grannen und Stängelteile) durch ein dickes Rohr in einen Raum der Strohschupfm, eine sehr stachelige Angelegenheit, aber zusammen mit Rübenschnitzeln fraßen das tatsächlich die Kühe! Deshalb nennt man sie auf beamtendeutsch auch "Raufutter verzehrende Großvieheinheit".

Sich hin und her bewegende Siebe ließen kleine Unkrautsamen herausfallen, und das Getreide wurde in normale und große Körner sortiert. Die Großen waren für die Saat nächstes Jahr. Die anderen fielen in Säcke, die am Sackhalter hingen.

Das Getreide wurde vom Korn-Buadn (Getreideboden) durch das Zejluach (Ziehloch), das senkrecht über drei Stockwerke reichte, nach unten geworfen und landete auf dem Dreschwagen, wo die Mutter nach und nach die Dreschwelle damit fütterte, nicht zu viel auf einmal, sonst blockierte die, es gab beängstigende Geräusche, der Riemen sprang herab und schlängelte sich durch den Schwung manchmal noch wie eine große Schlange. Der Dreschwagen spuckte das gedroschene Getreide als Stroh wieder aus, das im Hof gestapelt und zwischengelagert wurde. Erst wenn eine Seite des Bodens bis zum hintersten Wischl leer war, konnte man am Abend das Stroh mit einem Seil über einer Umlenkrolle wieder nach oben ziehen. Machte man eine Schlaufe und setzte sich hinein, konnte man durch Zug am anderen Ende des Seils sich selbst nach oben ziehen. Mein Onkel Georg soll dabei als Kind einmal abgestürzt sein, hat's aber überlebt.

Anfang der 60er Jahre bekamen wir eine moderne Strohpresse direkt an den Ausgang des Dreschwagens. Sie presste das Stroh zu quaderförmigen Büscheln und erzeugte Knoten mit einer Schleife, die sich aber im Gegensatz zu den Schuhband-Schleifen nicht öffnen ließen. Ich habe versucht, an meinen Schuhbändern die gleichen Schleifen nachzumachen, hab's aber nicht geschafft. Der Nachteil des gepressten Strohs war, dass man es nicht mehr als Strohhalm zum Seifenblasenmachen verwenden konnte.

Der Getreideboden (Traadbuadn)

War die Getreidernte in eine feuchte Zeit gefallen, mussten die schweren Säcke mit den Körnern durch das Ziehloch bis in den obersten Spitzboden gezogen werden. Dort wurden sie zum Trocknen aufgeschüttet. Deshalb hieß dieser auch Traadbuadn (Getreideboden). Dann das Ganze wieder umgekehrt, rein in Säcke, runterlassen, und ab zur Mühle oder verkauft ans Lagerhaus. Irgendwann entfiel diese Arbeit für das verkaufte Getreide, weil das Lagerhaus Freude & Pirner am Eckenmühlweg in einer Scheune eine Getreidetrocknung gebaut hatte. Dort drehte sich eine riesige Trommel, die von unten mit Gasflammen beheizt wurde. Allerdings war der Verkaufspreis für feuchtes Getreide geringer, »Wir zahlen doch nicht für das Wasser im Korn!«

Das giftige Mutterkorn an Roggen, der Sporenkörper des Mutterkornpilzes (Claviceps purpurea)
Das giftige Mutterkorn an Roggen, Sporenkörper des Mutterkornpilzes, Foto: R. Altenkamp, GNU-Lizenz

Die Mühlen

Das andere Mehl holte man ein paar Tage später von der Mühle, brachte es zum Bäcker und erhielt dafür Brotmarken. Schaffte man das Mehl zum Elbel am Unteren Markt, musste man darauf achten, dass es auf der Eckenmühle gemahlen war. Mehl von der Finkenmühle (Neudorfer Mühle) erkannte die Frau Elbel als solches, indem sie hineinfasste und es zwischen den Fingern verrieb, und nahm es nicht an. Der Knielings-Beck im Heffagleesviertel nahm beides.

Das Mutterkorn

Alle Bäcker schauten allerdings genau hin, denn winzige kleine schwarze Pünktchen in dem weißen Mehl wiesen auf einen Befall des Roggens mit dem Mutterkornpilz hin. Das Mutterkorn, ein schwarzer Auswuchs an der Ähre, enthält giftige Alkaloide, welche besonders oft im Mittelalter das Antoniusfeuer verursachten, eine schwere, manchmal tödliche Krankheit. Der Hafer wurde gelagert, und zu Hühnerfutter.

Die Waldarbeit

Kettensäge hatten wir natürlich keine. Das lohnte sich damals noch nicht. Während man heute Kettensägen im Angebot schon unter 100 Euro bekommt, war das damals noch eine Investition. Mit der Handsäge, meist eine Bogensäge oder Bügelsäge, geht's auch. Für dickere Bäume kam die Zwei-Mann-Säge zum Einsatz, bei uns meist die Mann-und-Frau-Säge, Mutter und Vater. Beim Schärfen (Seechfaaln, Sägefeilen) daheim, erklärte mir mein Vater, dass die Zähne der Zwei-Mann-Sägen symmetrisch gefeilt werden müssen, damit die Säge in jede Richtung sägt, im Gegensatz zur Bogensäge, wo die Zähne schräg sind. Von der Waldarbeit blieb ich jedoch meist verschont, zu gefährlich, zu schwer.

Zu Hause hatten wir eine große Kreissäge, die mit einem Lederriemen von der Riemenscheibe unseres Traktors angetrieben wurde. Montiert auf einem selbstgebauten Holzgestell, natürlich alles ohne Schutzbleche oder ähnliche Schutzvorrichtungen, die behindern ja nur! Ich durfte auf dem Traktor sitzen, und Gas geben, wenn sich die 13 PS bei dicken Stämmen manchmal schwer taten.

«Holz macht drei mal warm!« Das alte Sprichwort stimmt:
  1. Beim Holzfällen im Wald und Aufladen
  2. Zu Hause beim Zerkleinern: Sägen, Hacken, Aufschlichten
  3. Beim Reintragen und Einschüren

Selbst mit den Kettensägen, einer großen für den Stamm, einer leichten zum Ausasten, ist das keine leichte Arbeit, geht aber viel schneller.

Der Niedergang der Kleinbauern

Zur gleichen Zeit setzte eine Entwicklung ein, die hauptberuflichen Kleinbauern sehr zusetzte und manche in die Armut trieb. Alles was man kaufte, wurde immer teurer, die verkauften landwirtschaftlichen Produkte allerdings brachten immer weniger ein. Ende der 60er Jahre mussten wir die Landwirtschaft nach und nach aufgeben, da es sich nicht mehr lohnte, und nie werde ich das Gefühl vergessen, als wir die letzte Kuh verkauften und ich dann ab und zu den leeren Stall betrat, in dem immer so viel Leben geherrscht hatte, und jetzt nur noch dunkle gähnende Leere.

Traf es damals nur die kleinen Bauern, dehnt sich das Sterben der Bauernhöfe auf immer größere Betriebe aus. Großbauern von 1960 sind heute als Kleinbetriebe fast nicht mehr lebensfähig! Die Industrialisierung der Landwirtschaft mag man beklagen, aber anders sind die 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde nicht mehr zu ernähren. Und jedes Jahr werden es 70 Millionen mehr!  Bevölkerungswachstum und Überbevölkerung, das Grundproblem unserer Zeit!

Wir hatten noch Glück, denn mein Vater war hauptberuflich Schreiner und die Landwirtschaft war nur Nebenverdienst, aber viele Kleinbauern konnten nicht verstehen, dass ihre Arbeit nichts mehr wert war, und sind daran zerbrochen. Noch heute denke ich mit Schwermut an die Zeit zurück, auch während ich diese Zeilen geschrieben habe.

In Dankbarkeit an meine Eltern,
die von früh bis spät mit schwerer Arbeit dafür sorgten,
dass ich nie hungern und frieren musste.
 Fotoalbum


Einen zum Freilichtmuseum umgebauten historischen Bauernhof können Sie hier erleben:  Freilandmuseum Grassemann bei Warmensteinach
Historische landwirtschaftliche Geräte und vieles mehr finden Sie im  Volkskundlichen Gerätemuseum Bergnersreuth bei Arzberg

Carl Spitzweg - Der Sonntagsspaziergang (1841)
Carl Spitzweg - Der Sonntagsspaziergang (1841), Abb.: Gemeinfrei

Romantik des Landlebens

Als Anfang des 19. Jahrhunderts Caspar David Friedrich und Carl Friedrich Lessing ihre romantischen Bilder von urtümlichen Landschaften, Wäldern und Bäumen malten, zog es wohlsituierte Stadtbürger mit ihrer Sehnsucht nach Natürlichkeit und Landlust hinaus aufs Land. Es fand eine Art Idealisierung und Verklärung der Wildnis statt. Dabei wirken die Stadtmenschen in den Gemälden, oft in  Biedermeierkleidung, wie Fremdkörper in einer anderen Welt. Mit ihrer noblen, unpraktischen Kleidung mussten sie von der Wildnis auch einen gewissen Abstand halten.

Eine etwas realistischere Darstellung pflegte Carl Spitzweg. Bauern malte er aber meines Wissens auch nicht. Sie waren nicht Teil dieser Land-Romantik. Sie kamen nicht vor.

Flur-Bereinigung

Begünstigt und ermöglicht durch die Maschinen wurden im 20. Jahrhundert die natürlichen romantischen Landschaften durch Ordnung ersetzt. Flüsse hatten gerade zu verlaufen, Bäume als Monokulturen in Reih und Glied zu stehen, nicht bearbeitete Flächen galten als unnütz, Wildpflanzen als zu vernichtendes Unkraut, aus Mischwäldern wurden Fichten-Plantagen. Das gipfelte in Flussbegradigungen, Heckenrodungen, Monokulturen und der Flurbereinigung, bis in den 1970er Jahren die Umweltbewegung die negativen Seiten dieser übermäßigen Eingriffe in die Natur aufzeigte.

Für den Einsatz großer landwirtschaftlicher Maschinen sind natürlich größere Felder ohne Hindernisse erforderlich, aber Anfang des 21. Jahrhunderts setzt sich langsam die Überzeugung durch, dass man es damit nicht übertreiben darf. Begradigte Flüsse erzeugen Hochwasser an den Unterläufen, ausgeräumte Landschaften Erosion, Monokulturen großflächige Schädlingsprobleme, etc. Heute hat man eine gute Ausrede: Man schiebt einfach alle Natur-Katastrophen auf den  Klimawandel, teilweise zwar richtig, oft aber auch nur Sündenbock.

Was den Schutz natürlicher Lebensräume angeht, hat allerdings im 21. Jahrhundert schon ein gewisses Umdenken stattgefunden. Renaturierung und die Zulassung von Überschwemmungsflächen an den Flüssen, und der Waldumbau zu mehr Mischwäldern, sind erste Hoffnungsschimmer. Ob sich angesichts steigender Bevölkerungszahlen geschützte Flächen dauerhaft sichern lassen, erscheint zweifelhaft, und die Möglichkeit, Lebensmittel in Zukunft synthetisch herstellen zu können, nicht gerade einladend.

Hygiene

Zu viel Hygiene kann schaden, das hört man in letzter Zeit immer wieder. Menschen, die auf dem Bauernhof in natürlicher, unhygienischer Umgebung aufgewachsen sind, sollen weniger an Allergien leiden und ein besseres Immunsystem haben. Desinfektionsmittel töten eben auch das gute Mikrobiom auf der Haut. Und die Darmflora kommt nicht nur durch Antibiotika durcheinander, sondern auch durch die verschiedensten Lebensmittelzusätze und Konservierungsmittel. Ein Kontakt mit den Ausscheidungen der Tiere war damals unvermeidlich, Kuhmist, Schweinemist und Hühnermist allgegenwärtig und ein guter Dünger. Kuhfladen und Pferdeäpfel sammelten manche von der Straße, als Dünger für den Garten oder sogar für Blumentöpfe. Einmal pro Woche baden war die Regel, dazu gab es das Volksbad im Keller des Schulhauses, eine Wanne in der Schreinerwerkstatt oder im Sommer ein Bad in der  Eger. Und nach Anstrengungen half Abschwitzen und Katzenwäsche.

Aber alles hat seine zwei Seiten: Desinfektionsmittel helfen gegen Wundinfektionen, früher half dagegen auch mal ein starker Schnaps (äußerlich angewendet). Natriumnitrit (Nitritpökelsalz) verhindert zum Beispiel in Rohwurst und rohem Fleisch, dass Bakterien Botulinumtoxin (BTX) erzeugen. Lebensmittelvergiftungen durch verdorbenes Fleisch wurden dadurch viel seltener. Leider findet man heute Nitritpökelsalz auch in Lebensmitteln, die gegart sind oder erhitzt werden, sogar in Konservendosen, völlig unnötig. Bei unseren Hausschlachtungen wurde Pressack auch in Dosen gefüllt und diese im Kessel gekocht. Der Pressack im Darm oder in der Schweinsblase wurde geräuchert. Niemand kam auf die Idee, zum Pressack Pökelsalz hinzuzufügen. Heute findet man dieses sogar in den Pressack-Büchsen vom Hausmetzger. Nicht weil's erforderlich wäre, sondern weil das Fleisch dann "schön rot" aussieht.

Ein gesundes Immunsystem braucht ein gewisses Maß an Training, also Kontakt mit Bakterien oder Viren. Das gilt vermutlich auch für die  Corona-Viren. Für gesunde Menschen ist eine regelmäßige Aufnahme von geringen Mengen COVID-19-Viren möglicherweise besser als ständige Desinfektion, Abstand und Isolation. Anders ist es bei Festen und Feiern, wo es so laut und eng zugeht, dass man sich vor Krach gegenseitig anschreien muss, wenn man den Gesprächspartner verstehen will. Da bekommt man eine volle Viren-Ladung ab, und wenn das Immunsystem diese nicht kennt, passiert sowas wie am Anfang beim Après-Ski in Ischgl oder dem Karneval im Kreis Heinsberg.
©2020 Erwin Purucker

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